Marc Wäckerlin
Vernunft und Freiheit

Besuchszeiten wie im Knast

Die flächendeckende Blaue Zone in Winterthur ist kein Verkehrsmanagement. Sie ist eine pauschale, ideologisch motivierte Freiheitsbeschränkung, die mit dem Alltag der Menschen kollidiert – jeden Tag, bei jedem Besuch, bei jeder Einladung und bei der Arbeit.

Was als angebliche Lösung gegen «Pendlerparkieren» verkauft wird, trifft in Wahrheit alle: Anwohner, Besucher, Familien, Gewerbe, Kultur, Vereine. Und zwar auch dort, wo es nie ein relevantes Problem gab.

Der erste grundlegende Fehler liegt in der undifferenzierten Einführung. Blaue Zonen wurden flächendeckend über die ganze Stadt ausgerollt, auch in Quartieren ohne Pendlerdruck, ohne unmittelbare Bahnhofsnähe, ohne belegte Missstände. Statt gezielt dort einzugreifen, wo tatsächlich Probleme auftraten – etwa im direkten Umkreis einzelner Bahnhöfe –, wird der gesamte öffentliche Raum pauschal reguliert. Das ist keine gezielte Problemlösung, sondern reine Verwaltungslogik.

Dazu kommt ein falsches Problemverständnis. Selbst falls es Beschwerden über Pendler gab, die ihr Auto im Quartier kostenlos parkierten und dann den Zug nach Zürich nahmen, dann hätte die Stadt im Gespräch mit allen Anwohnern, auch mit denen, die sich nicht beschwerten, abklären sollen, wie gross das Problem wirklich ist und erst dann eine für genau diese lokale Situation angemessene Lösung finden sollen. Es ist erst recht falsch, die ganze Stadt über den gleichen Kamm zu scheren, nur weil es an bestimmten Punkten lokale Probleme gab. Die heutige Unzufriedenheit entsteht längst nicht mehr wegen Pendlern, sondern wegen der Regulierung selbst.

Besonders absurd ist die Parkzeitbeschränkung von einer Stunde. Eine Stunde ist keine realistische Zeitspanne für irgendetwas, was Menschen tatsächlich tun. Kein Konzert, kein Arztbesuch, kein Kundentermin, kein Vereinsabend, kein Geburtstagskaffee, kein Abendessen, jedenfalls nicht, wenn es vor 18 Uhr los geht. Um das erklärte Ziel – die Verhinderung von Dauerparkieren – zu erreichen, muss man die Parkzeit nicht auf eine Stunde beschränken: Das klassische Pendlerparkieren wäre sogar mit einer maximalen Parkzeit von acht Stunden wirksam unterbunden gewesen, beschränkt auf die Parkplätze rund um die entsprechenden Quartierbahnhöfe. Gleichzeitig ist zu unterscheiden zwischen Pendlern, die ihr Auto lediglich abstellen, um auf den Zug nach Zürich zu wechseln und Pendlern, die als Arbeitskräfte in Winterthur gebraucht werden. Letztere fehlen heute zunehmend. Unternehmen berichten von Schwierigkeiten, Stellen zu besetzen, was im Extremfall auch zu Geschäftsaufgaben oder Kürzungen in den Öffnungszeiten führen kann.

Und das Schlimmste: nicht einmal gegen Bezahlung ist längeres Parkieren möglich. Keine Parkuhr. Keine App zur Verlängerung. Keine Nachzahlung. Wer länger bleibt, ist automatisch illegal unterwegs. Das ist kein Service, das ist Zwang. Wer glaubt, man könne «halt zahlen und bleiben», irrt. Man darf schlicht nicht. Einzig die Gästekarte schafft ein wenig Abhilfe.

Wir haben nun eine Parkplatzregulierung wie im Knast: Maximal eine Stunde Besuchszeit!

Die Folgen sind massiv: Das Grosi, das stolz das erste Konzert ihres Enkels im Konservatorium besuchen will. Sie sitzt in der ersten Reihe, und wartet auf den Auftritt ihres Enkels während draussen die Parkscheibe tickt. Eine Stunde ist um, sie muss den Saal vorzeitig verlassen und verpasst prompt den Auftritt ihres Enkels. Weil die Stadt entschieden hat, dass Kultur nur noch in 60-Minuten-Portionen möglich sein soll.

Oder der Freund, der zu Besuch kommt. Es reicht gerade noch für den Quickie, aber nicht mehr für Nähe, Intimität, denn die Parkzeit ist abgelaufen. Kein Verlängern. Kein Bezahlen. Also Jacke an, hastig verabschieden, raus rennen. Romantik nach Winterthurer Verkehrsregime.

Auch das Gewerbe zahlt den Preis. Handwerker mit schweren Geräten, die mehrere Tage an einer Baustelle arbeiten, müssen nahe parkieren und Material schleppen. Die Stadt erlaubt das nur unter Bedingungen, mit Anträgen, Bewilligungen und Begründungen. Firmen berichten zudem, dass Mitarbeitende von ausserhalb Winterthur Stellen ablehnen, weil sie nicht praktikabel parkieren können – besonders im Schichtbetrieb. Kunden bleiben weg, sobald unklar ist, ob ein Termin länger als eine Stunde dauert.

Besucher werden faktisch aus dem Quartierleben ausgeschlossen. Ohne Bewilligung müssen sie nach einer Stunde weg. Ein normaler Besuch wird zum administrativen Akt. Spontaneität fällt weg.

Hinzu kommt ein unverständliches Bewilligungssystem. Einerseits sagt die Stadt: Parkbewilligungen gibt es nur, wenn man keinen privaten Parkplatz hat. Andererseits: Für Besuch können Tagesbewilligungen gelöst werden. Erst auf Nachfrage wird klar: Besucherparkkarten für zehn Franken pro Tag bekommt man immer, auch mehrere nach Bedarf. Immerhin. Doch das ist begleitet von Bürokratie für Alltägliches. Besuch empfangen heisst heute: App oder Portal, Registrierung, Verifizierung, jährliche Kontrolle, Nummernschilder erfassen, Zeitfenster definieren. Für etwas, das früher selbstverständlich war. Die Konsequenz zeigt sich auch bei der Verwaltung selbst: Die überkomplizierte Regelung überlastet inzwischen sogar die Stadtpolizei.

Politisch ist das klar eingebettet in eine autofeindliche Ideologie. Weniger Parkplätze, mehr Einschränkungen, mehr Hürden. Nicht, weil es zwingend notwendig wäre, sondern weil es ins politische Weltbild passt.

Und dann heisst es aus dem Stadtrat: «Erste Erfahrungen positiv.» Aus wessen Sicht? Aus Sicht der Verwaltung! Frag doch den Wolf, ob es dem Lamm gut geht. Relevant ist einzig die Sicht der Betroffenen – und die werden konsequent ignoriert.

Am Ende bleibt die grundsätzliche Frage: Warum wird der öffentliche Raum so restriktiv reguliert, ohne belegten Nutzen, auf Kosten von Lebensqualität, Wirtschaft, Kultur und sozialem Leben? Die Blaue Zone in Winterthur zeigt exemplarisch, wie weit sich Politik und Verwaltung vom Alltag der Menschen entfernt haben.

Kommentieren

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Erlaubte HTML-Tags für die Formatierung: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>